U-Bahnhof Kaulbachplatz, Nürnberg
Komplexe Glaskonstruktion, die deutschlandweit bisher einzigartig ist
Jugendstil und Moderne treffen sich am Nürnberger Kaulbachplatz. Der neue U-Bahnhof nach dem Entwurf des Architekturbüros Haid + Partner liegt in einer schmalen Straße, umgeben von Blockrandbebauung aus der Gründerzeit. Mit ihrer organischen Form sind die drei Eingangsbauten moderner Kontrapunkt und zugleich verbindendes Element zu den dekorativen Fassaden. Um den Straßenraum nicht weiter zu beengen, setzten die Planer auf höchstmögliche Transparenz. Dafür entstand in Zusammenarbeit mit der Herstellerfirma Glas Trösch eine Glaskonstruktion, die deutschlandweit bisher einzigartig ist.
Die vom U-Bahnbauamt der Stadt Nürnberg nach dem Historienmaler Wilhelm von Kaulbach benannte Station liegt im Stadtteil Gärten hinter der Veste, nördlich der Nürnberger Altstadt. Prächtige Mietshäuser prägen die Straßenzüge des Stadtteils. Höchste Transparenz und Einfachheit in der Materialität wurden bei dem neuen U-Bahnhof zum konzeptionellen Ansatz der Gestaltung. Die Eingänge bestehen fast ausschließlich aus Glas und Beton. Blickt man die Straße entlang, zeigt sich das wesentliche Merkmal der Bauten: Die Dächer, reine Glaskonstruktionen, ermöglichen eine vollständige Durchsicht. Seitlich werden sie von zwei anthrazit durchgefärbten Betonscheiben gehalten. Diese sind so weit wie möglich perforiert, um die beiden Straßenseiten nicht voneinander zu trennen. Ihre formale Nähe macht die drei überirdischen Baukörper als ein zusammengehöriges Kontinuum im Straßenraum wahrnehmbar.
Einen sonst so oft nachlässig behandelten Ort wie einen U-Bahnhof zu einem attraktiven Raum für Anwohner und Fahrgäste zu machen, war ebenfalls Ziel des Entwurfs. Bei der Station Kaulbachplatz symbolisieren die Eingangsbauten den Übergang zwischen ober- und unterirdischem Raum. Die Konstruktion durchdringt die Ebenen und verbindet sie miteinander. Eine gezielte Lichtführung nimmt dem Übergang die Härte. Um den U-Bahnhof in seiner direkten Umgebung, dem sogenannten „Malerviertel“ zu verorten, traf der Verbund Museen der Stadt Nürnberg eine Auswahl an Gemälden regionaler Maler, die für den Fahrgast im Gleisbereich zu sehen sind. Als Strukturmatrizen in den Sichtbeton gegossen, erscheinen sie je nach Lichteinfall in unterschiedlicher Intensität.
Glas auf den Punkt gebracht
Für das Glasdach im Bereich der Treppenabgänge und des Aufzugs wurden SANCO LAMEX Verbundsicherheitsgläser (VSG) in besonderer Konstruktionsweise eingesetzt. Die Glasschwerter als Träger der Glasdachscheiben weisen einen ständig wechselnden Neigungswinkel auf, der sich nach dem Lauf der Betonscheiben richtet. Außerdem wurden sie mit dem bisher unüblichen Seitenverhältnis von 15:1 ausgeführt. Vom Boden aus aufgespannt, begrenzt eine Abspannkonstruktion aus Edelstahlzugstangen die Kippwirkung der filigranen Glasschwerter und stabilisiert sie in ihrer Ausrichtung. Für eine millimetergenaue Anpassung wurde das bereits bewährte System der SWISSWALL-Punkthalter weiterentwickelt und mit einem verstellbaren Gewinde versehen. Auftreffende Dachflächenlasten werden ausschließlich über die oberen im Schwert sitzenden Punkthalter abgetragen. Die vollständige Konstruktion aus Dach und Glasschwert mit sämtlichen Beschlägen bedurfte einer Zustimmung im Einzelfall. Sie basiert auf versuchstechnischen Untersuchungen, die im Labor der Stahl- und Leichtmetallbau GmbH an der Hochschule München durchgeführt wurden. Eine abschließende gutachterliche Bewertung aller Prüfungen erfolgte durch Prof. Dr.-Ing. Ömer Bucak.
Versteckte Glasauflager im Beton
Eine weitere technisch anspruchsvolle Lösung stellt die Lagerung der Dachkonstruktion im Massivbau dar. Die Planer legten Wert darauf, die Auflager nicht auf den Beton aufzuschrauben, sondern sie unsichtbar in der Wand einzulassen. Die Taschen hinter den Auflagern wurden so tief ausgeführt, dass die Schwerter durch seitliches Versetzen in die bereits fest im Straßenraum stehenden Betonscheiben eingeführt werden konnten. Da der Beton einem anderen Ausdehnungsverhalten als das Glas unterliegt, ist die Lagerung nur auf einer Seite als Festlager ausgeführt. Auf der gegenüberliegenden Seite nehmen Loslager die Bewegungen auf und dienen als Ausgleich. Weitere konstruktive Elemente wie die Führungsschienen für das Rolltor sind ebenfalls in den Betonscheiben versteckt. Außerdem vermeiden auf der gesamten Länge eingebrachte Wasserabläufe aus Edelstahlrohren, dass entstehendes Kondenswasser in den Auflagernischen zur Delamination der VSG-Einheit und zu Verschmutzungen der Wände führt.
Teamarbeit bei der Entwicklung
Eine enge Zusammenarbeit von Haid + Partner mit den Statikern des Ingenieurbüros Goetz und Neun und dem Bereich Konstruktiver Glasbau von Glas Trösch in Nördlingen ermöglichte die Weiterentwicklung bisher bekannter Glaskonstruktionsweisen. Die zeitintensive Planung und das Engagement der Projektbeteiligten lassen sich bis ins Detail am neuen U-Bahnhof Kaulbachplatz ablesen. Trotz des Aufwandes konnte der streng vorgegebene Kostenrahmen der Behörden eingehalten werden. Nach Planungsbeginn im Jahr 2004 und kontinuierlicher Projektarbeit ging der U-Bahnhof am 10. Dezember 2011 ans Netz.
Bautafel
Planungs-/Ausführungszeitraum: 10.2004-11.2011
Bauzeit: 06.2007-11.2011
Bauherr: Stadt Nürnberg, U-Bahnbauamt
Architektur: Haid + Partner, Architekten Ingenieure Generalplaner, Nürnberg
Statik: Ingenieurbüro Goetz + Neun, Nürnberg
Metallbau: Löhner Metallbau e.K., Naila
Betonbau: Firmengruppe Max Bögl, Neumarkt
Konstruktiver Glasbau: Glas Trösch GmbH, Nördlingen
Baukosten, raumbildender Ausbau: ca. 3 Mio. Euro
Weitere Informationen:
Emil Höppel | Glas Trösch GmbH
Bereich Konstruktiver Glasbau
Reuthebogen 7-9, 86720 Nördlingen
Tel. 09081-216 419
e.hoeppel@glastroesch.de

Ausgearbeitet bis ins Detail: Alle Auflager für die Glaselemente sind im Beton versteckt. Die speziell für den U-Bahnhof Kaulbachplatz weiterentwickelten SWISSWALL-Punkthalter stabilisieren die Glasschwerter in ihrer Position (Fotograf: Gerhard Hagen/poolima)

Durch die gläserne Dachkonstruktion fällt viel Tageslicht in den U-Bahnhof - gleichzeitig öffnet sie beim Hinaufsteigen der Treppen den Blick nach oben (Fotograf: Gerhard Hagen/poolima)

Bei Dunkelheit erhellt das lichtdurchflutete Glasdach den Straßenraum und macht aus dem Eingang zum U-Bahnhof Kaulbachplatz in Nürnberg einen einladenden Ort (Fotograf: Gerhard Hagen/poolima)

